Es war vor ziemlich genau einem Jahr. Ich bin mit Max nach Paris gefahren, um Lea zu besuchen, die damals im Rahmen des Cité-Stipendiums dort war. Kaum aus der Metrostation getreten, fiel unser Blick auf die noch unfertig restaurierte Notre-Dame. Nicht schlecht, beste Lage also. Zwischen Touristen und Millionären schliefen wir zu dritt in ihrer Atelierwohnung. Zu dieser Zeit hatte Lea gerade ihre ersten Katzenwesen fertig genäht. Sie begrüßten uns überschwänglich. Ich musste sofort lachen, so liebenswürdig sahen sie aus. Später in der Nacht, halb schlaftrunken auf dem Weg zur Toilette, passierte dann etwas. Auf dem Flur blickte mich eines dieser Wesen an. Nicht flüchtig, sondern mit einem festen und beinahe fordernden Blick, als hätte es auf mich gewartet. Ich erschrak so sehr, dass ich einen kurzen Ausruf nicht unterdrücken konnte. Plötzlich hatte ich zwei Sorgen. Erstens, dass Max und Lea mich gehört hatten. Und zweitens, dass dieses Wesen mir vielleicht antworten würde.


In diesem Moment verstand ich die Arbeit besser.


Ein ähnlicher Moment liegt für mich einige Jahre zurück. Damals war ich noch Teil der Galerie Brutal und wir organisierten mit Manuel eine Ausstellung. Er installierte seine Agarskulpturen im Ausstellungsraum auf weißen Wandplatten. Sie wirkten makellos, glatt, luxuriös, wie Produkte, präzise gefertigt und ohne jede Spur von Gebrauch. Sie erinnerten mich an neue Sneaker. Am selben Tag kaufte ich Tomaten. Rewe-Bio, knallrot, perfekt, wunderschön auf meinem Brot. Ich aß ein paar davon, fuhr dann für einige Tage weg und vergaß den Rest ganz hinten im Korb. Wochen später entdeckte ich sie wieder. Noch immer rot, noch immer prall. Doch diesmal wirkte dieses Rot nicht mehr appetitlich, sondern gefährlich. Kurz darauf sah ich Manuels Skulpturen erneut. Sie hatten sich verändert. Sie waren gealtert. Die Oberfläche hatte nachgegeben, die Figur sackte müde in sich zusammen.


In diesem Moment verstand ich die Arbeit besser.


Solche Erfahrungen stehen im Zentrum der Ausstellung things with feelings. Momente, in denen Objekte aufhören, neutral zu sein. Momente, in denen Zeit sichtbar wird und Dinge plötzlich zurückblicken. In denen sie uns nicht mehr einfach nur gegenüberstehen, sondern etwas einfordern.


Die Idee dieser Ausstellung war es, zwei künstlerische Positionen zusammenzubringen, die mit sehr unterschiedlichen Mitteln eine Verschiebung im Verhältnis zwischen Objekt und Betrachter erfahrbar machen. Es geht um die Frage, wann und warum Dinge beginnen, uns näherzukommen.


Bei Manuel Cornelius geschieht das über Prozesse, die wir aus dem Leben selbst kennen. Seine Agarskulpturen erscheinen zunächst stabil, abgeschlossen, nahezu industriell. Doch ihre Materialität ist nicht auf Dauer angelegt. Sie reagiert, gibt nach, verändert sich. Altern wird hier nicht als Defekt oder Verlust verhandelt, sondern als Zustand, der Nähe erzeugt. Denn das makellos Glatte, das Unveränderliche bleibt oft distanziert. Vertraut werden uns Dinge meist erst dann, wenn sie Spuren tragen. Manuel Cornelius' Skulpturen lösen sich aus der Logik des fertigen Produkts und treten in einen Zustand ein, der eher an organische Prozesse erinnert: an Ermüdung, an Verletzlichkeit, an Endlichkeit. Sie wirken dadurch weniger wie Objekte und mehr wie etwas, das mit uns existiert.


Daneben gibt es in seiner Arbeit Formen, die diese Erwartung noch einmal unterlaufen. Objekte, die nicht altern, aber dennoch irritierend lebendig erscheinen. Ihre Oberflächen und Gestalt lassen an Zungen, an Unterseewesen, an Körperfragmente denken, ohne eindeutig lesbar zu werden. Gerade diese Uneindeutigkeit ist spannend, da sie scheinbar in einem unbestimmten Zustand zwischen Objekt und Organismus verharren.

Bei Lea Gocht entsteht Beziehung auf eine andere Weise. Ihre genähten Stoffwesen sind weich, körpernah, fast vertraut und zugleich eigenständig. Sie begegnen uns über Blick und Haltung. Sie schauen uns an, sie schauen zurück. Und genau dadurch entziehen sie sich der Rolle eines bloßen Kunstobjekts.


Diese Haltung setzt sich in der räumlichen Organisation ihrer Arbeiten fort. Kartonboxen strukturieren den Raum wie provisorische Wandschränke oder Regalsysteme. In ihnen stehen genähte Köpfe als Büsten, zugleich ausgestellt und verwahrt, zugleich menschliche Figur und skulpturales Objekt. Sie verweisen auf Haut, Nähe und Körperlichkeit, ebenso wie auf Sammlungsstücke oder Souvenirs, auf Dinge, die aufbewahrt werden, scheinbar ohne in ein klares Besitzverhältnis eingebunden zu sein. Gerade in dieser Schwebe entwickeln sie eine eigene Autonomie und Präsenz.


Der Raum ist dabei so angelegt, dass wir uns nicht frei in ihm bewegen. Wir müssen reagieren, ausweichen, näher treten, unsere Körper den Anordnungen anpassen. Die Bewegung durch den Raum wird zur Teilhabe, zur Choreografie, in die wir unweigerlich hineingezogen werden. Je länger wir uns durch diese Räume bewegen, je länger wir den Blicken und der Präsenz dieser Wesen ausgesetzt sind, desto unsicherer wird unsere eigene Position. Vielleicht sind wir die seltsamen Körper im Raum. Vielleicht betreten wir ihren Raum. Vielleicht werden wir angeschaut, geprüft, studiert.


Der Titel things with feelings ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen, nicht bloß aus dem Gedanken heraus, dass die Objekte selbst Gefühle hätten, sondern weil sie affektive Beziehungen ermöglichen. Gefühle entstehen hier in der Begegnung, durch Materialität, Wahrnehmung und Zeit. Der Titel beschreibt vor allem eine Verschiebung unserer Haltung gegenüber den Werken. Sie erscheinen weder als bloße Objekte noch als vermenschlichte Subjekte, sondern als Gegenüber. Sie verwickeln uns in eine Dynamik, in der wir nicht nur sehen, sondern gesehen werden. Und in dieser Rückwirkung kann dann Selbstwahrnehmung beginnen.

Es war vor ziemlich genau einem Jahr. Ich bin mit Max nach Paris gefahren, um Lea zu besuchen, die damals im Rahmen des Cité-Stipendiums dort war. Kaum aus der Metrostation getreten, fiel unser Blick auf die noch unfertig restaurierte Notre-Dame. Nicht schlecht, beste Lage also. Zwischen Touristen und Millionären schliefen wir zu dritt in ihrer Atelierwohnung. Zu dieser Zeit hatte Lea gerade ihre ersten Katzenwesen fertig genäht. Sie begrüßten uns überschwänglich. Ich musste sofort lachen, so liebenswürdig sahen sie aus. Später in der Nacht, halb schlaftrunken auf dem Weg zur Toilette, passierte dann etwas. Auf dem Flur blickte mich eines dieser Wesen an. Nicht flüchtig, sondern mit einem festen und beinahe fordernden Blick, als hätte es auf mich gewartet. Ich erschrak so sehr, dass ich einen kurzen Ausruf nicht unterdrücken konnte. Plötzlich hatte ich zwei Sorgen. Erstens, dass Max und Lea mich gehört hatten. Und zweitens, dass dieses Wesen mir vielleicht antworten würde.


In diesem Moment verstand ich die Arbeit besser.


Ein ähnlicher Moment liegt für mich einige Jahre zurück. Damals war ich noch Teil der Galerie Brutal und wir organisierten mit Manuel eine Ausstellung. Er installierte seine Agarskulpturen im Ausstellungsraum auf weißen Wandplatten. Sie wirkten makellos, glatt, luxuriös, wie Produkte, präzise gefertigt und ohne jede Spur von Gebrauch. Sie erinnerten mich an neue Sneaker. Am selben Tag kaufte ich Tomaten. Rewe-Bio, knallrot, perfekt, wunderschön auf meinem Brot. Ich aß ein paar davon, fuhr dann für einige Tage weg und vergaß den Rest ganz hinten im Korb. Wochen später entdeckte ich sie wieder. Noch immer rot, noch immer prall. Doch diesmal wirkte dieses Rot nicht mehr appetitlich, sondern gefährlich. Kurz darauf sah ich Manuels Skulpturen erneut. Sie hatten sich verändert. Sie waren gealtert. Die Oberfläche hatte nachgegeben, die Figur sackte müde in sich zusammen.


In diesem Moment verstand ich die Arbeit besser.


Solche Erfahrungen stehen im Zentrum der Ausstellung things with feelings. Momente, in denen Objekte aufhören, neutral zu sein. Momente, in denen Zeit sichtbar wird und Dinge plötzlich zurückblicken. In denen sie uns nicht mehr einfach nur gegenüberstehen, sondern etwas einfordern.


Die Idee dieser Ausstellung war es, zwei künstlerische Positionen zusammenzubringen, die mit sehr unterschiedlichen Mitteln eine Verschiebung im Verhältnis zwischen Objekt und Betrachter erfahrbar machen. Es geht um die Frage, wann und warum Dinge beginnen, uns näherzukommen.


Bei Manuel Cornelius geschieht das über Prozesse, die wir aus dem Leben selbst kennen. Seine Agarskulpturen erscheinen zunächst stabil, abgeschlossen, nahezu industriell. Doch ihre Materialität ist nicht auf Dauer angelegt. Sie reagiert, gibt nach, verändert sich. Altern wird hier nicht als Defekt oder Verlust verhandelt, sondern als Zustand, der Nähe erzeugt. Denn das makellos Glatte, das Unveränderliche bleibt oft distanziert. Vertraut werden uns Dinge meist erst dann, wenn sie Spuren tragen. Manuel Cornelius' Skulpturen lösen sich aus der Logik des fertigen Produkts und treten in einen Zustand ein, der eher an organische Prozesse erinnert: an Ermüdung, an Verletzlichkeit, an Endlichkeit. Sie wirken dadurch weniger wie Objekte und mehr wie etwas, das mit uns existiert.


Daneben gibt es in seiner Arbeit Formen, die diese Erwartung noch einmal unterlaufen. Objekte, die nicht altern, aber dennoch irritierend lebendig erscheinen. Ihre Oberflächen und Gestalt lassen an Zungen, an Unterseewesen, an Körperfragmente denken, ohne eindeutig lesbar zu werden. Gerade diese Uneindeutigkeit ist spannend, da sie scheinbar in einem unbestimmten Zustand zwischen Objekt und Organismus verharren.

Bei Lea Gocht entsteht Beziehung auf eine andere Weise. Ihre genähten Stoffwesen sind weich, körpernah, fast vertraut und zugleich eigenständig. Sie begegnen uns über Blick und Haltung. Sie schauen uns an, sie schauen zurück. Und genau dadurch entziehen sie sich der Rolle eines bloßen Kunstobjekts.


Diese Haltung setzt sich in der räumlichen Organisation ihrer Arbeiten fort. Kartonboxen strukturieren den Raum wie provisorische Wandschränke oder Regalsysteme. In ihnen stehen genähte Köpfe als Büsten, zugleich ausgestellt und verwahrt, zugleich menschliche Figur und skulpturales Objekt. Sie verweisen auf Haut, Nähe und Körperlichkeit, ebenso wie auf Sammlungsstücke oder Souvenirs, auf Dinge, die aufbewahrt werden, scheinbar ohne in ein klares Besitzverhältnis eingebunden zu sein. Gerade in dieser Schwebe entwickeln sie eine eigene Autonomie und Präsenz.


Der Raum ist dabei so angelegt, dass wir uns nicht frei in ihm bewegen. Wir müssen reagieren, ausweichen, näher treten, unsere Körper den Anordnungen anpassen. Die Bewegung durch den Raum wird zur Teilhabe, zur Choreografie, in die wir unweigerlich hineingezogen werden. Je länger wir uns durch diese Räume bewegen, je länger wir den Blicken und der Präsenz dieser Wesen ausgesetzt sind, desto unsicherer wird unsere eigene Position. Vielleicht sind wir die seltsamen Körper im Raum. Vielleicht betreten wir ihren Raum. Vielleicht werden wir angeschaut, geprüft, studiert.


Der Titel things with feelings ist dabei durchaus wörtlich zu verstehen, nicht bloß aus dem Gedanken heraus, dass die Objekte selbst Gefühle hätten, sondern weil sie affektive Beziehungen ermöglichen. Gefühle entstehen hier in der Begegnung, durch Materialität, Wahrnehmung und Zeit. Der Titel beschreibt vor allem eine Verschiebung unserer Haltung gegenüber den Werken. Sie erscheinen weder als bloße Objekte noch als vermenschlichte Subjekte, sondern als Gegenüber. Sie verwickeln uns in eine Dynamik, in der wir nicht nur sehen, sondern gesehen werden. Und in dieser Rückwirkung kann dann Selbstwahrnehmung beginnen.

Justus Linnekugel

Justus Linnekugel

Einführung zur Ausstellung 'things with feelings'

Kuratiert von Justus Linnekugel

Einführung zur Ausstellung 'things with feelings'

Kuratiert von Justus Linnekugel

things with feelings


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